Vernissage Schaffhauser Jazzgespräche «Edition 6»


Sarah Chaksad, Anicia Kohler, Urs Röllin (Hrsg.) – Chronos Verlag
Unser Text zur virtuellen Vernissage, die leider ohne Publikum stattfinden muss. -> Das Buch ist somit getauft und frei käuflich!


Das Buch zu den Jazzgesprächen
2017 - 2019


oder: Jazz ist mehr als Briefmarken sammeln


„Es ist wichtig, sich Gedanken zu machen über Musik“, sagt Musikerin Sarah Chaksad. „Für mich ist es essenziell!“ Sie amtierte 2017 - 2019 als Kuratorin der Jazzgespräche und bekam damit die Möglichkeit, genau dies ausgiebig zu tun. Sie wählte Themen aus, die sie selber in ihrem Musik spielen und schreiben beschäftigen, und lud zahlreiche Gäste ein, sich an den Jazzgesprächen damit auseinanderzusetzen.

Für die Redaktion des Buchs holte sie Anicia Kohler ins Boot. Die beiden sprachen stundenlang über Gott und die Welt und die Musik, und brachten das vielfältige Material aus Diskussionen und Referaten in Form. Das Kapitel „line up“ zählt fast vierzig Referent*innen und Diskussionsteilnehmende auf – sie alle kamen in den letzten drei Jahren an den Jazzgesprächen zu Wort. Das Kapitel „discography“ ist eine Schatzkiste voller Hörtipps, mit Musik der Beteiligten sowie in Diskussionen erwähnte Musik. Dass es an den Jazzgesprächen manchmal hoch zu und her ging, beweisen die folgenden knackigen Zitate aus dem Buch…
Jazz und Politik (2017)

„Reine Musik kann politisch nichts leisten, weil sie frei ist, zum Glück, wunderbar frei. Musik im Kontext kann für Aussagen ver­wendet werden, da ist es ganz anders. Nur schon ein Lied mit einem Text kann natürlich politisch sein. Allerdings ist es dann nicht die Musik, sondern der Text.“

„Der grösste Despot kann auch ein Liebhaber der freien Improvisation sein. Es ist lei­der möglich. Als Fan will man das nie so richtig wahrhaben, was vielleicht wieder dafür spricht, dass der Künstler besser den Mund hält.“

„Zu sagen, das hat gar nichts mit Politik zu tun, das finde ich einen Quark!“

„Mein Problem beginnt beim sogenannten ästhetischen Eigenwert von Jazz. Das kann ich gerade so gut auch auf das Briefmarkensammeln übertragen, ich habe das nämlich alles dort auch. Und ich meine doch, ein kulturelles Erzeugnis wie die Jazzmusik, das hat irgendwie Tiefen-Ebenen, die über das Briefmarkensammeln hinausgehen.“ 

Jazz und Streaming (2018)
Für mich ist das Live­konzert immer noch eines der schönsten Erlebnisse, die es auf diesem Planeten gibt. Menschen, die zusammenkommen und ganz Ohr werden.“

„Jazz ist ja eine sehr performative Kunst, eine Moment­ Kunst. Es ist ein multisinnliches Erlebnis und ich glaube, das kann man nicht streamen. Der flüchtige Moment soll eigentlich nicht unbedingt gebannt werden. Mich interessiert es wirklich, dort zu sein und das Ganze zu geniessen.“

„Für mich fühlt es sich gerade nach einer Stimmung an, als wäre gerade das Telefon erfunden worden, sehr aufbruchsmäs­sig! Ich glaube, man kann es nicht rückgängig machen, man muss nehmen, was man hat, und positiv damit umgehen.“

„Es macht keinen Sinn, gegen den Strom zu schwimmen, ganz besonders wenn man unbekannt ist. Ich werde Streaming si­cher nutzen, wenn ich ein Album herausgebe. Sogar ECM hat ja nachgegeben, das war ja wohl der letzte Widerstandskämpfer.“
Jazz und die Frauen (2019)

„Wenn man nicht einen Prozentsatz von mindestens 35 Pro­zent geknackt hat, dann ist da ein Unwohlsein, das sich im Aussenseitersein begründet (…) In­teressanterweise ist das Geschlechterverhältnis an den Musikschu­len noch recht ausgeglichen, auch in Bezug auf Jazzinstrumente. Aber plötzlich fehlen irgendwie die Vorbilder, es geht nicht richtig weiter. Und wenn man sich erst mal in eine Minderheit manövriert hat, empfindet man sich schliesslich selbst als Fremdkörper.“

„Im Jazz wäre es bei In­strumentalistinnen einfacher, als wir uns das bis jetzt eingestanden haben – sprich, da gibt es Nachholbedarf. Aber wir haben vor allem bei Blechblasinstrumenten ein riesiges Nachwuchsproblem.“

„Es war für mich eine grosse Herausforderung, als Gitar­ristin kein weibliches Vorbild zu haben.“

„Sonst müss­ten wir den Namen ändern und uns Bern Male Jazz Orchestra nen­nen.“

„Gopferdeli! Aber ich zähle wirklich auf die jungen Männer. Und die kommen auch, das wird etwas verändern, weil ihr Denkmuster sich schon verändert.“

Sarah Chaksad, Anicia Kohler und Urs Röllin als Herausgeberteam freuen sich sehr über das vorliegende Buch als Resultat ihrer Arbeit. Sie glauben, dass die Inhalte zum Nachdenken anregen, inspirieren und hie und da auch zu einem Grinsen verleiten können. Gute Lektüre!

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